80. Folge „Stehaufmenschen“ am 29.03.26, um 20:04 Uhr in Radio Tirol: Marcel Richter und ein Leben voller Neuanfänge.

Marcel Richter: Vom Weg nach oben.
Der 36-jährige Marcel Richter lebt mit einer seltenen angeborenen Fehlbildung – und zeigt eindrucksvoll, wie viel Kraft in Eigenverantwortung, Sport und Lebensmut steckt. Er hat seine Leidenschaft, das Klettern, zum Beruf gemacht und setzt sich auch für andere Menschen mit Behinderungen ein. Davon erzählt er in der Radiosendung Stehaufmenschen.
Marcel Richter wächst in Dresden auf – in einem Umfeld, das für ihn vieles schwieriger macht. Seine angeborene Fehlbildung an Händen und Füßen führt schon früh zu Ausgrenzung und Mobbing. Auch zu Hause ist der Ton streng: Seine Mutter verlangt, dass er alles so macht wie andere Kinder. Was damals hart erscheint, hilft ihm später, Selbstständigkeit zu entwickeln.
Nach der Trennung der Eltern zieht Marcel als Jugendlicher zu seinem Vater, doch die Beziehung bleibt distanziert. Halt findet er bei seinem Großvater, der ihn unterstützt und begleitet. Dessen Tod trifft ihn schwer und markiert einen tiefen Einschnitt in seinem Leben.
Brüche und neue Perspektiven.
Trotz aller Herausforderungen geht Marcel seinen Weg.
In Dresden absolviert er eine Ausbildung zum Bürokaufmann und arbeitet später bei der Polizei. Parallel engagiert er sich in der Suchtprävention für Jugendliche.
Ein Arbeitsunfall im Jahr 2015 verändert jedoch alles: Ein komplizierter Ellenbogenbruch und eine missglückte Operation führen dazu, dass er seinen Job verliert. Plötzlich steht er vor dem Nichts.
Vom Zufall zur Leidenschaft.
Auf der Suche nach neuen Perspektiven zieht es ihn in die Berge. Beim AlpenTestival in Garmisch kommt es zu einer zufälligen Begegnung mit einer Klettertrainerin – ein Moment, der sein Leben verändert. Ein erstes gemeinsames Klettern in Ehrwald wird zum Wendepunkt.
Marcel bleibt in der Region, beginnt bei den Wettersteinbahnen zu arbeiten und entdeckt seine Leidenschaft für das Klettern. Was als Versuch beginnt, wird schnell zu einem festen Bestandteil seines Lebens. Seit 2016 trainiert er regelmäßig im Paraclimbing-Team Tirol und nimmt an internationalen Bewerben teil.
Sport als Anker im Leben.
Für Marcel ist Sport weit mehr als ein Hobby. Er gibt ihm Struktur, Kraft und Lebensqualität. Neben dem Klettern probiert er zahlreiche andere Disziplinen aus – von Skitouren über Mountainbiken bis hin zu 24-Stunden-Wanderungen.
Ein besonderes Erlebnis ist der Aufstieg auf den Großglockner über den Stüdlgrat mit einer Bergführerin. „Das war einfach grandios“, erinnert er sich heute. Trotz gesundheitlicher Rückschläge wie Knieproblemen oder chronischen Entzündungen bleibt für ihn klar: Aufgeben ist keine Option.
Engagement für andere.
Marcel arbeitet mittlerweile seit mehreren Jahren in der Tennis- und Kletterhalle in Ehrwald. Dort hat er seine Leidenschaft zum Beruf gemacht – und darüber hinaus zu einer Aufgabe. Er organisiert Charity-Veranstaltungen, begleitet Menschen mit Behinderungen und setzt sich aktiv für Inklusion im Sport ein.
Dabei geht es ihm nicht um Heldengeschichten, sondern um Begegnungen auf Augenhöhe. Für ihn steht fest: Klettern mit Behinderung ist vielleicht ungewohnt, aber keineswegs unmöglich.
