04.10.26 / 20.04 Uhr / Radio Tirol: Sebastian Sarg ist Gast von Marianne Hengl und Diana Foidl in ORF Radio Tirol

Sebastian Sarg, Marianne Hengl und Diana Foidl
Sebastian Sarg, Marianne Hengl und Diana Foidl

Sebastian Sarg: „Der Tod darf kein Tabu sein“.

Sebastian Sarg ist 24 Jahre alt und Bestatter. Was zunächst wie ein ungewöhnlicher Berufsweg klingt, ist für ihn längst Berufung. Der tägliche Umgang mit Abschied, Trauer und Tod hat seinen Blick auf das Leben verändert – und ihm gezeigt, wie wichtig es ist, über den Tod zu sprechen.

Bestatter zu werden, war für Sebastian Sarg trotz seines prägnanten Nachnamens und obwohl seine Familie seit Jahrzehnten ein Bestattungsunternehmen führt, keineswegs von Anfang an der große Lebensplan. Als Kind träumte er davon, Astronaut oder Fußballer zu werden. Erst ein Praktikum im Betrieb seines Vaters brachte eine entscheidende Wendung.

Dabei entdeckte Sebastian, wie vielfältig der Beruf tatsächlich ist. Es geht nicht nur um Verstorbene, sondern vor allem um Menschen: um Gespräche, Organisation und die Begleitung von Angehörigen in einer schwierigen Lebenssituation. Nach seinem Zivildienst beim Roten Kreuz stand für ihn fest, dass er den Familienbetrieb übernehmen möchte. „Der Weg, der mir in die Wiege gelegt worden ist, und der Umgang mit Menschen ist sehr schön und hat mir bestätigt, dass das das Richtige für mich ist“, sagt er.

Zuhören, organisieren und Abschied ermöglichen.

Rund 200 Trauerfälle begleitet Sebastian jedes Jahr. In oft mehrstündigen Gesprächen bespricht er mit den Familien, wie der Abschied gestaltet werden soll, organisiert die Beerdigung und kümmert sich um Behördengänge, Sterbebilder und Parten. Häufig besucht er die Angehörigen auch zu Hause.

Dabei erlebt Sebastian ganz unterschiedliche Reaktionen auf einen Verlust. Manche Menschen reden viel, andere schweigen oder reagieren mit Wut. Für ihn ist jede dieser Reaktionen verständlich. Besonders wichtig sei es, den Angehörigen zuzuhören und ihnen Raum zu geben. „Wir können den Verlust nicht ändern. Aber wir können den passenden Abschied in einem würdigen Rahmen gestalten“, beschreibt er seinen Anspruch. Auch die Bestattungskultur verändert sich: Immer häufiger entscheiden sich Menschen für eine Feuerbestattung, während auch naturnahe und freiere Formen der Bestattung an Bedeutung gewinnen.

Der Tod als Teil des Lebens.

Trotz aller Professionalität gibt es Schicksale, die Sebastian besonders nahegehen. Vor allem der plötzliche Tod junger Menschen bleibt ihm im Gedächtnis. Gleichzeitig weiß er, dass eine gewisse Distanz notwendig ist. Wer jeden Verlust vollständig mit nach Hause nimmt, riskiert, selbst daran zu zerbrechen. Für ihn geht es deshalb um ein Gleichgewicht zwischen Mitgefühl und professioneller Distanz.

Der tägliche Kontakt mit Tod und Trauer hat sein eigenes Leben verändert. Sebastian schätzt die Zeit mit Familie und Freunden, gemeinsame Abende, Auszeiten in den Bergen und Urlaube. „Ich habe, weil ich täglich damit umgehe, eine andere Einstellung zum Tod bekommen“, sagt er.

Was am Ende wirklich zählt.

Am Lebensende geht es nach Sebastians Erfahrung nur selten um materielle Dinge. Viel häufiger stehen Beziehungen, gemeinsame Zeit und unausgesprochene Worte im Mittelpunkt. Besonders schwierig sind plötzliche Todesfälle, weil sie bei Angehörigen häufig Fragen und Schuldgefühle hinterlassen. Sebastian versucht deshalb, Menschen zu ermutigen, Konflikte möglichst zu Lebzeiten zu klären. „Ich persönlich versuche, nie schlafen zu gehen, ohne wesentliche Sachen angesprochen zu haben. Das ist das Schlimmste, wenn etwas ungeklärt ist.“

Sebastian Sarg zeigt ein anderes Bild des Bestatterberufs: Er ist nicht nur Organisator einer Beerdigung, sondern Zuhörer, Begleiter und Ansprechpartner für Menschen in einer Ausnahmesituation. Seine Botschaft ist dabei schlicht: Der Tod gehört zum Leben und sollte nicht verdrängt werden. Wer über ihn spricht, kann Ängste abbauen und gleichzeitig lernen, die eigene Lebenszeit bewusster wahrzunehmen.